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at the menue bar.
Tante Marlene war eine der vielen Schwestern meines Vaters. Und obwohl jede von ihnen etwas ganz Besonderes hatte – vor allem diese wunderbare Stärke, die wohl aus einer für sie alle rauen Kindheit erwachsen war –, hatte Tante Marlene für mich einen ganz besonderen Platz. Schon in meiner Pubertät hatte ich sie körperlich schnell eingeholt und bald überragt. Doch in meiner Wahrnehmung blieb es immer umgekehrt: Für mich war sie die Größere.
Anmerkung: Meine Cousine Atrafyr ist aus der Familie meiner Mutter.
Optisch eine Mischung aus Joan Collins und Tina Turner, im Habitus eine Dietrich und mit einer Rhetorik wie Sharon Osbourne – kurzum: die formvollendete Diva. Dass so eine Erscheinung einem sexuell noch vollkommen orientierungslosen Jungen mächtig imponierte, versteht sich beinahe von selbst. Und vermutlich zieht sich so etwas auch einfach magisch an. Sicherlich hatte ich noch sehr viel mehr Cousins und Cousinen, doch Tante Marlene und ich – das war, wie wir im Ruhrgebiet sagen, ein Kopp und ein Arsch. Da passte kein Blatt dazwischen. Erst heute rückblickend weiß ich, warum das so ist, denn tatsächlich ist es auch in der Sexarbeit begründet.
Heute erzähle ich allen, die bei mir im Studio anfangen, dass Sexarbeit im Grunde eine kleine One-(Wo)man-Show ist. Wir bewegen uns irgendwo zwischen Care-Arbeit und Entertainment, und unsere Betten sind unsere kleinen Bühnen. Diese Bühne aber – die sich bei meiner Tante schon mal über ihre komplette 70-Quadratmeter-Champagner-Bar erstrecken konnte – beherrschte sie perfekt. Sie hatte diese selbstverständliche Präsenz, dieses Talent, einen Raum einzunehmen und die Menschen darin für sich zu gewinnen. Und ich war der kleine Junge, der ihr nacheiferte.
Wo immer sie auftauchte, zog sie die Menschen in ihren Bann. Nicht nur mit ihrer umwerfenden Schönheit, sondern vor allem mit diesem gewaltigen, einnehmenden Temperament, das sie privat wie beruflich virtuos zu ihrem Vorteil einzusetzen wusste. Tante Marlene betrat keinen Raum – sie nahm ihn ein. Ich sehe sie noch heute vor mir, wenn sie redete: dieser riesige Busen, über ihrem schönen Gesicht das wundervoll drapierte Haar, die großen Gesten – für mich ergab das ein geradezu magisches Bild. Und dann diese herrlich tiefe Stimme, die, einmal in Fahrt gekommen, mehr Wörter in einer Minute hervorbringen konnte, als ich in derselben Zeit überhaupt zu denken vermochte. Sie konnte einen mit Sprache regelrecht überrollen – und dabei war es nahezu unmöglich, den Blick von ihr abzuwenden. Und irgendwie schien diese Frau für mich überall zu wohnen. Natürlich stimmte das in Wirklichkeit überhaupt nicht. Aber in meiner kindlichen Wahrnehmung tauchte sie an den unterschiedlichsten Orten auf, als gehörte die Welt ein kleines bisschen ihr. Für mich war Tante Marlene die geborene Kosmopolitin – eine Frau, die überall zu Hause sein konnte und nirgends ganz gewöhnlich wirkte.
Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte Tante Marlene in der Schweiz. Dort arbeitete sie zunächst in verschiedenen Rotlichbars, später betrieb sie selbst welche. In den Sommerferien durfte ich regelmäßig zu ihr fahren – und manchmal sogar abends mit in die Bar. Und ja: Ich war verdammt jung. Elf vielleicht, zwölf. Dass ich trotzdem dort sitzen durfte, war entweder einer Zeit geschuldet, in der man vieles noch etwas lockerer sah – oder schlicht der Tatsache, dass diese Bars weit weniger verrucht waren, als das rote Licht vermuten ließ. Es gab keine Separees und keine geheimnisvollen Hinterzimmer. Es waren Bars, nicht mehr und nicht weniger. Natürlich: Das Licht war rot, die Damen waren ausgesprochen aufreizend gekleidet, und für einen Elfjährigen hatte das Ganze schon deshalb die Aura einer vollkommen anderen Welt. Das Verruchte war vor allem Inszenierung – und genau diese Inszenierung faszinierte mich.
Meine Tante hätte sich selber auch nicht als Sexarbeiterin gesehen. Auf meine neugierige Nachfrage erklärte sie mir einmal ganz selbstverständlich: Wenn man möchte, dass ein Mann einem Champagner spendiert, dann muss man ihm das eben auch entsprechend präsentieren. Die Inszenierung gehörte eben zum Geschäft. Und dennoch hätte sie, trotz all der vielen anrüchigen Verhaltensweisen, die ich selbst bei ihr erlebt und beobachtet hatte, den Begriff Sexarbeit vermutlich weit von sich gewiesen. Für sie war das, was sie tat, etwas anderes – Unterhaltung, Verführung, Geschäft und vor allem die Kunst, Menschen für sich einzunehmen. Es ist auch viel mehr meine eigene Definition von Sexarbeit, denn Sexarbeit beginnt für mich dort, wo der Entscheider einer Handlung nicht im Kopf, sondern ein gutes Stück tiefer sitzt – unabhängig davon, ob es dabei zu unmittelbarer Körperlichkeit kommt oder nicht.
Immer wenn ich in meinem zarten Alter die Bar betrat, spielte sich dasselbe Ritual ab: Meine Tante rastete vor Freude förmlich aus – manchmal vielleicht auch ein kleines bisschen künstlich – und musste mich sofort allen Männern vorstellen. Dem kleinen blonden Jungen aus Deutschland wurde über den Kopf gestrichen, während man mich mit Schweizerdeutsch überschüttete, von dem ich kein Wort verstand. Trotzdem spürte ich instinktiv, dass meine Tante dieses kleine Vorstellungsdrama für ihre Arbeit brauchte. Wortreich schwärmte sie von ihrem großartigen Bruder aus Deutschland, der das Elternhaus so schön renoviert hatte, seiner wunderschönen Frau und natürlich von mir, dem Neffen mit den ach so guten Schulnoten – bla, bla, bla. Heute weiß ich: Genau darin steckt ein Kern der Sexarbeit. Um Intimität entstehen zu lassen, gibt man etwas Intimes von sich preis. Die eigene Offenheit erzeugt beim Gegenüber den Impuls, ebenfalls etwas von sich zu erzählen – und genau darum geht es.
Als ich älter wurde, durfte ich schließlich auch hinter der Bar mitarbeiten. Und ich glaube, die aufregendsten Momente waren für mich immer die Stunde der Vorbereitung. Wenn meine Tante und die anderen Frauen im Hinterzimmer verschwanden, um sich für den Abend zurechtzumachen, begann eine kleine Verwandlung. Dieser Moment, in dem aus der „Dame von nebenan“ plötzlich ein Sexvamp wurde, faszinierte mich jedes Mal aufs Neue. Make-up verfehlt eben nie seine Wirkung und spätestens auf High Heels war die Verwandlung vollkommen: Plötzlich überragten sie gefühlt jeden im Raum und nahmen auf eigentlich absurd wackeligem Fundament eine Körperhaltung ein, der sich kaum jemand entziehen konnte. Wenn schließlich die Zitronen geschnitten waren, das Eis aus dieser schrottigen Maschine im Kübel lag und genügend Champagnerflaschen im Kühlschrank standen, konnte der Abend beginnen. Das normale Licht erlosch, das Rotlicht ging an – und mit einem Mal verwandelte sich derselbe Raum in eine andere emotionale Realität.
Auch wenn meine Tante beim Einkaufen im Ort die High Heels zu Hause ließ und das Make-up noch etwas zurückhaltender ausfiel, drang die Sexarbeiterin aus jeder ihrer Poren. Sie grüßte die Menschen, suchte bewusst den Blickkontakt – gerade auch mit den Frauen. Ich glaube, sie wusste sehr genau, wie wichtig es war, die ohnehin vorhandene Abneigung nicht in offene Feindseligkeit kippen zu lassen.
Das war das erste Mal, dass mir das Stigma bei der Sexarbeit begegnet ist damals fand ich das eher witzig, weil ich mir gedacht habe: "Fickt euch ihr Spießer-tussen, heute Abend kommen eure Kerle zu uns und lassen mehr Geld bei uns, als ihr Haushaltsgeld im Monat bekommt. Ha ha“
Erst heute nach 14 Jahren Sexarbeit weiß ich, wie erdrückend, dass für im wesentlichen die weiblichen Vertreter der Sexarbeit sein kann und es auch damals für meine Tante gewesen sein muss. Ich sehe noch heute wie der Gruß meiner Tante ganz oft nicht beantwortet wurde oder sogar böse Blicke zurück kamen. Sie war ja schliesslich "die Nutte". Bis heute begegnet mir die schärfste Ablehnung erstaunlich oft von Frauen. Manchmal frage ich mich, wie viel davon tatsächlich moralische Überzeugung ist – und wie viel die sehr viel ältere Angst, eine andere Frau könnte dem eigenen Mann gefährlich werden. Dabei liegt genau hier ein großes Missverständnis: Wir wollen ihre Männer in aller Regel überhaupt nicht. Wir wollen unser Honorar.
Das wirtschaftliche Prinzip der Bar war denkbar einfach: Verkaufe durch attraktive Gesellschaft so viel Champagner der Puffmarke Pommery wie möglich. Die Frauen bekamen dafür ihre Provision – und damit war das Geschäftsmodell im Wesentlichen erklärt. Natürlich fragte ich meine Tante immer wieder, ob die anderen Damen mit den Männern nicht vielleicht doch Sex hätten. Ihre Antwort war stets dieselbe: „Das kommt sicherlich mal vor. Aber es geht mich ja nichts an, was außerhalb meiner Bar passiert.“ Damit schien die Sache für sie tatsächlich erledigt. Überhaupt war meine Tante in dieser Hinsicht erstaunlich entspannt – aber privat, entgegen dem Bild, das ich bisher vielleicht von ihr gezeichnet habe, geradezu konservativ. Wenn es überhaupt einen Mann gab, dann gab es eben diesen einen. Orgien, sexuelle Freizügigkeit oder auch nur eine besonders frivole Sprache: Fehlanzeige. Für mich stand das damals in einem merkwürdigen Widerspruch zu ihrer Arbeit. Aber es war eben so. Und auch bei meinem eigenen sexuellen Irrweg wollte sie keineswegs bedingungslos Beifall klatschen. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich ihr – etwas großspuriger, als ich mich tatsächlich fühlte – erklärte: „Mir ist doch egal, was die anderen denken. Ich bin eben bi, und damit müssen die Leute jetzt leben. Ist mir egal.“ Wie aus der Pistole geschossen kam ihre Antwort: „Nein. Das ist es dir nicht.“ Und natürlich hatte sie recht. Gleichzeitig wollte sie damit wohl auch ihren Bruder schützen – meinen Vater, für den dieses Thema vor dreißig Jahren noch einen kleinen Weltuntergang bedeutete. Gerade diese Szene ist mir geblieben: Eine Frau, die beruflich von rotem Licht, Verführung und Champagner umgeben war, konnte privat in solchen Dingen erstaunlich konventionell sein.
Aber zurück in die Bar. Meine Tante, war bei ihrer Arbeit einfach phänomenal. Irgendwie schwebte sie durch den Raum von Tisch zu Tisch und hatte an jedem Tisch alle Männer irgendwie im Griff. Ihre Zeit teilte sie geradezu beiläufig und doch streng nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ein. Das war faszinierend. Männer, die einfach ein Bier trinken, beachtete sie gar nicht, nur wenn es eben Champagner für sie gab und je teurer die Flasche desto mehr Aufmerksamkeit erkaufte man sich von ihr.
Das ließ sich sogar optisch wunderbar beobachten. Kam ein Gast herein, setzte sich und bestellte sein Bier, nahm meine Tante irgendwann neben ihm Platz – allerdings immer mit genau einem freien Stuhl oder Barhocker dazwischen. Ein Gespräch anzufangen war für sie so selbstverständlich wie für einen Taxifahrer das Autofahren. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie jeden am Wickel. Und meist dauerte es nicht lange, bis sie, den Ausschnitt wirkungsvoll in Szene gesetzt, die entscheidende Frage stellte: „Trinken wir einen Halberli?“ (=Schweizerdeutsch für eine kleine Flasche Champagner.) Sprang der Gast darauf überhaupt nicht an, folgte der zweite Akt: Sie drehte sich demonstrativ weg und ignorierte ihn geradezu zu Tode. Erstaunlicherweise funktionierte auch das. Schließlich waren die meisten Männer gekommen, um mit ihr ins Gespräch zu kommen – und plötzlich ihren Rücken vor sich zu haben, nur weil der Champagner ausblieb, war offenbar schwer auszuhalten. Meist dauerte es deshalb nicht lange, bis ich hinter der Bar doch noch die Anweisung bekam, wenigstens ein Kübli“ (=Schweizerdeutsch für ein Glas Champagner) zu servieren. Und damit hatte meine Tante wieder einmal bekommen, was sie von Anfang an wollte. War der Champagner erst einmal zugesagt, katapultierte meine Tante eine Nahbarkeit heraus, die ihresgleichen suchte. Der zuvor sorgsam freigehaltene Barhocker zwischen ihr und dem Gast wurde von ihr nun besetzt, die Distanz verschwand – und plötzlich wurde es persönlich: „Ja, Sepp, erzähl doch mal: Wie läuft das denn jetzt mit der Scheidung von deiner Frau?“
Und die Männer erzählten. Meine Tante hörte aufmerksam zu, strich ihnen beiläufig über die Schulter und bestärkte sie, wo immer es ging. Saßen sie direkt an der Bar, folgte irgendwann noch ein weiterer, für den Gast gefährlicher Satz: „Aber mein Barmann darf doch auch etwas mittrinken, oder? Der hat heute noch gar nichts getrunken. Schau mal, wie durstig er ist.“ Natürlich konnte kaum jemand meiner Tante diesen Wunsch abschlagen. Und falls doch, beherrschte auch ich das Spiel inzwischen ganz gut. Beim Service ließ ich mir dann eben bei dem Gast noch etwas mehr Zeit und beteiligte mich bevorzugt an den Gesprächen, bei denen auch für mich ein Glas Champagner abgefallen war. Gerne kam irgendwann mein Einsatz: „Ach, ihr zwei seht heute Abend so toll aus. Ich mach mal ein Foto von euch.“ Wir hatten damals eine Polaroidkamera und machten an manchen Abenden 10-20 solcher Bilder. Nicht wenige davon lagen beim Aufräumen längst wieder im Papierkorb. Aber darum ging es auch gar nicht. Es ging nie um das Foto. Es ging um den Moment.
Und natürlich ging es auch darum, möglichst viel von diesem Champagner zu trinken, damit der Umsatz stimmte. Dort lernte ich übrigens einen der wichtigsten Tricks des Abends: Wirfst du einen Eiswürfel ins Glas, dauert es deutlich länger, bis du betrunken bist. Denn die Frauen und ich mussten unseren Champagnerkonsum sorgfältig einteilen. Wenn ich hinter der Bar schwankte, wirkte ich schließlich nicht mehr wie der professionelle Barmann, der ich unbedingt sein wollte – und bei den Frauen war der Weg vom glamourösen Sexvamp zum Pflegefall irgendwann ebenfalls erstaunlich kurz. Das konnte durchaus problematisch werden: Sobald eine Frau lallte oder sichtbar betrunken war, verloren die Männer entweder das Interesse – oder wurden im Gegenteil unangenehm übergriffig. Es kam eh häufig vor, das ein Gast meine Tante küssen oder ihr an den Busen fassen wollte. Aber weder sie noch die anderen Frauen ließen das zu. Ich hatte Anweisung mich da niemals einzumischen, aber das war auch nie nötig. Meine Tante beherrschte die Kunst, sich solchen Situationen mit einer geradezu eleganten Selbstverständlichkeit zu entziehen. Ganz besonders liebte ich diese Ausrede. „Nicht doch“, sagte sie und schüttelte ihre wundervolle Mähne. „Dann werde ich ganz wuschig! Und ich muss doch arbeiten. Ich muss mich doch um meine Bar kümmern. Das geht doch nicht!“ Ich fand das schon damals herrlich komisch: Da wurde den ganzen Abend mit Verführung gespielt – und ausgerechnet wenn sie Wirkung zeigte, erklärte meine Tante, dafür habe sie nun wirklich keine Zeit, schließlich müsse sie arbeiten. Aber es funktionierte. Immer.
Und auch wenn Meine Familie, das bis heute irgendwie nicht richtig glauben will: ich war dabei und auch ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass Sexarbeit eben nicht immer „rein-raus“ bedeutet. Studien zur Freierperspektive unterscheiden drei zentrale Motive für die Inanspruchnahme von Sexarbeit: Körperliche Grundversorgung, Hedonismus und soziale Intimität. Und genau diese soziale Intimität beherrschte meine Tante in Perfektion und da es ihre eigene Bar war, hatte sie es geschafft, gleich an mehreren Tischen gleichzeitig mit vielen Männern zu trinken.
Bis heute verstehe ich nicht ganz, wie die Männer das mit ihrem Ego vereinbaren konnten: Zehn Minuten lang gehörte ihnen ihre ganze Aufmerksamkeit – und dann stand meine Tante einfach auf, wanderte zum nächsten Tisch und schmiegte sich dort eben an den Nächsten. Erstaunlicherweise schienen ihr das alle zu verzeihen. Mehr noch: Sie warteten geduldig und waren glücklich, sobald sie irgendwann zu ihnen zurückkehrte. Dabei verstand sie es meisterhaft, andere Menschen in diese Nähe einzubeziehen – wie schon erwähnt, auch mich. Sie verband Menschen miteinander, bezog sie ins Gespräch ein und gab selbst Männern eine herzliche Umarmung, bei denen man vermuten konnte, dass die letzte Dusche schon eine Weile zurücklag. Und sogar bei Menschen, die auf den ersten Blick ausgesprochen schwierig oder unsympathisch wirkten, schaffte sie es, ihnen für diesen einen Moment das Gefühl zu geben, bei ihr willkommen und sogar sympathisch zu sein. Vielleicht war genau das ihr eigentliches Talent: Sie gab den Menschen nicht unbedingt, was sie wollten – sondern sie spürte, was sie brauchten. Und genau das gab sie ihnen.
Natürlich gab es, wie in der Sexarbeit üblich, solche und solche Abende. Manchmal war die Bude bis zum Anschlag voll, und selbst unsere Champagnervorräte gerieten an ihre Grenzen. Und dann gab es Abende, an denen sich über Stunden vielleicht zwei Männer zu uns verirrten – und ausgerechnet die wollten partout keinen Champagner mit uns trinken. Aus dieser Zeit stammt übrigens ein Satz meiner Tante, der sich bis heute hartnäckig in meinem eigenen Sprachgebrauch gehalten hat. Wurde ihr der Champagner verweigert, erklärte sie irgendwann mit größtmöglicher Dramatik: „Dann ziehe ich eben mein Höschen wieder an.“ Wichtig für das Verständnis: Weder war zuvor irgendein Höschen ausgezogen worden, noch wurde anschließend tatsächlich eines angezogen. Es war schlicht die Sexarbeiterinnen-Version von: „Dann eben nicht.“
Fast jeden Sommer überlegten meine Tante und ich, wie es wohl wäre, wenn ich ganz in die Schweiz ziehen und die Bar gemeinsam mit ihr führen würde. Für einen jungen Mann aus langweiligen gutbürgerlichen Verhältnissen eines Duisburger Vorortes war das eine ungeheuer aufregende Vorstellung – zumal ich den Ruf des Rotlichts schon damals sehr deutlich spürte. Aber kaum war ich wieder zu Hause, verwarf ich diese Pläne genauso schnell, wie wir sie geschmiedet hatten. In meiner eigenen kleinen Welt musste ich mich erst einmal selbst zurechtfinden. Ich war einfach noch nicht so weit.
Für meine Tante kam irgendwann, was für viele Frauen in einem Beruf kommt, der so stark von Unterhaltung, Erscheinung und Aufmerksamkeit lebt: Sie wurde älter, und die Nachfrage ließ nach. Besonders gut vorgesorgt hatte sie leider nie. Auch darin entsprach sie ein wenig dem Klischee: So großartig sie darin war, Geld hereinzuholen, so wenig Talent hatte sie dafür, es anschließend zusammenzuhalten. Irgendwie saßen wir ständig in Taxis und aßen in teuren Restaurants. Natürlich beeindruckte mich das. Gleichzeitig merkte ich schon damals, dass wirtschaftliches Denken nicht unbedingt zu ihren Stärken gehörte. Das schönste Beispiel dafür war die Musikbox in ihrer Bar, die von einem externen Dienstleister gestellt wurde. Musik gab es nur, wenn jemand Geld hineinwarf. Und war gerade niemand bereit dazu, warf eben meine Tante selbst etwas ein. Ihre vollkommen überzeugende Begründung lautete: „Ich bekomme ja die Hälfte wieder.“ und drückte immer wieder dieselbe Kombination: 33,10. Das war unsere Nummer für und der Song wurde zu unserer Hymne. River Deep – Mountain High von Tina Turner Ich hielt das für maximal verschwenderisch und erklärte ihr jeden Sommer aufs Neue, dass man doch einfach normale Musik laufen lassen könne und die Musikbox nur dann übernehmen müsse, wenn ein Gast etwas einwarf. Aber für solchen organisatorischen Schnickschnack hatte meine Tante weder Zeit noch Interesse. Sie lebte im Moment – und der Moment war großartig. Und wenn ich ehrlich bin, bewunderte ich sogar diese verschwenderische Seite an ihr ein bisschen. Also warf auch ich irgendwann auch meine Münzen in die Musikbox.
Und eigentlich ist es gar nicht Tina Turner, bei der ich sie heute sofort wieder vor mir sehe. Es ist Elton Johns -Song for Guy
Den machte sie an, wenn noch niemand in der Bar war und stellte sich manchmal demonstrativ ans Fenster, während ich sie von hinter der Theke anhimmelte. Vor ihr die Silhouette der Schweizer Berge, stand sie dort auf ihren High Heels, im kurzen Rock: sexy, unbeugsam und stark. Ein Bild, das sich so tief in mir festgesetzt hat, dass ein paar Takte dieses Liedes genügen – und sie steht wieder da.
Es ist eine seltsame Ironie, dass gerade Menschen, die mit ihrer Präsenz ganze Säle für sich einnehmen können, im Privaten manchmal niemanden finden, der wirklich bleibt. Auch die große Liebe blieb meiner Tante nicht. Beziehungen kamen und gingen, manche nur für kurze Zeit. Sie starb ohne Mann an ihrer Seite.
Liebes Tantchen, in der Liebe und bei der Arbeit folge ich dir offenbar ziemlich genau.
Das Atrium ist wundervoll geworden- ich glaube, du wärst stolz auf mich.