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Klassenfahrt ins Dominastudio

Die Fachhochschule Münster zu Besuch im Atrium Berlin

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von Pixie Pee Magic

In unserem schönen Dominastudio gibt es ja eine Menge interessanter Veranstaltungen. Vom tiefen Fisten bis zum feinen Feminisieren ist eigentlich immer was los. Dass neben dem Sessionbetrieb auch noch sogenannte „Backstage-Touren“ und andere Öffentlichkeitsarbeit stattfinden, daran musste ich mich erst mal gewöhnen. Die Vorstellung, einen Haufen Neugieriger ohne Leine und nur bei Wasser statt Natursekt durchs Studio zu führen, war mir suspekt. Vor allem wollte ich mich nicht selbst bestaunen lassen. Schließlich bin ich Nutte und kein Zirkuspferd. Wer mich für den schmalen Taler sehen will, kann sich mal ins Knie wichsen. Aber dann kam die Anfrage von der FH Münster und ich warf meine Einstellung über Bord. Schließlich erwartete uns nichts als eine unschuldige Schulklasse (18+). Mit den allerbesten Absichten. Aus dem Seminar „Sexpositive Soziale Arbeit“.

Lektion 1: Die Freiheit der Sexarbeitenden ist unantastbar

Ob wir verraten würden, wie die soziale Arbeit Sexarbeitende unterstützen könne? Wie sieht die Lebensrealität von Sexarbeitenden aus, mit welchen Herausforderungen sind sie konfrontiert, was macht sie glücklich?

Außerdem waren sie interessiert an unserem Praxisblick auf das Thema Kink. Die Studierenden wollten die Vielfalt der menschlichen Sexualität besser verstehen. Weg von der altmodischen medizinisch-pathologisierenden Perspektive, hin zu einem modernen, ganzheitlichen Ansatz.

So oder so ähnlich jedenfalls briefte der Dominus im Vorfeld Rosi Riot, Lorelei und mich.

Wir verabredeten, dass sich jede einen Themenblock vorknöpft und ihn in einem unserer Studioräume beackert. Die Schülerschaft durfte dann in Gruppen durchs Studio ziehen und uns besuchen.

Aber zuerst natürlich Begrüßungsrede vom Dominus. So viele Reden, wie er mittlerweile im Dienst der guten Sache hält, sollte er sich besser Dominus F. Kennedy statt Master André-Kolja Dominus Berlin nennen. Die gute Sache ist nach wie vor, den Fortbestand der Freiheit zu sichern. Die legale Ausübung und Inanspruchnahme von selbstbestimmtem Paysex gehört dazu. Es war uns allen gleich sympathisch, wie aufmerksam und ehrlich interessiert die Schüler da zuhörten.

Lektion 2: Sexarbeit muss gut und teuer sein

Als die erste Schülergruppe meinen Raum betritt, möchte ich gerade ausrufen: „Die Freiheitsrechte der Menschen hängen nicht von der Willkür des Staates ab, sondern sind universell!“

Dann besinne ich mich und mir fällt wieder ein, dass ich gerade ein rundes Jubiläum in der Sexarbeit feiere. Insofern kündige ich das gewünschte Thema „Lebensrealitäten von SexarbeiterInnen“ an. Damit kenne ich mich nach langen, intensiven Zeiten in verschiedenen Rotlicht-Milieus von Tabledance bis Dominastudio aus. Eine Schülerin fragte, ob ich hier im High-Class-Segment auch Stigmatisierung spüre. Ja, die spürt man. Es ist zum Beispiel ein ziemlich ungutes Gefühl, wenn du dein Lebenswerk an der Geburtstagstafel deines Vaters verheimlichen musst und so tun musst, als wärst du langweilige Online-Redakteurin, dabei bist du aufregende Domina. Unangenehm ist auch, dass man obdachlos wäre, würde man versuchen, mit einer wahrheitsgemäßen Auskunft über die eigene berufliche Tätigkeit auf dem Wohnungsmarkt zu überzeugen.

Der Verheimlichungsringelpietz ist natürlich lachhaft. Ich verheimliche im Heimatdorf, die Männer verheimlichen ihren Dominabesuch vor ihren Frauen, die Gäste verheimlichen ihn voreinander, wenn sie um Diskretion bitten. Dominas, die ihren Erstjob im öffentlichen Dienst haben, werden suspendiert, und ja, laut so mancher Parlamentskurve soll die ganze Sexarbeit vom Planeten suspendiert werden. Dominastudios, Bordelle und Stripclubs geschlossen, hinter ihnen die Sintflut. Diese Gesellschaft hat so viel Angst vor Paysex, dass man schon mal stutzig werden könnte, was diese Angst wirklich antreibt.

Nächste Schülerfrage: Wie sehen gute Arbeitsbedingungen für Sexarbeiter aus? Kurze Antwort von Pixie Pee Money: Sie sehen gut aus in Cash. Nur wer in der Sexarbeit einen sehr guten Stundenlohn hat, hat genug Zeit und die Möglichkeit, die Energie wieder aufzutanken, die in die Kundenbegegnung gesteckt wurde.
Und natürlich sollte man gut untereinander vernetzt sein. Und das Letzte, was man braucht, ist jemand, der einem sagen möchte, wie es läuft. Also, mal schön in der Legalität lassen, das Ganze, dann braucht es auch keine „Beschützer“.

Nächste Frage:

Lektion 3: Verantwortungsurlaub ist sexy

„Na, was seht ihr da vor euch?“
Diese Frage kam von Kollegin Lorelei und war an die Studierendenschaft gerichtet. Dinge, die im Vorlesungssaal eher selten auf dem Lehrplan stehen. Dafür an einem anderen Örtchen der Fachschule fest verankert sind.
„Ähm ... eine Toilette?“ Exakt. Toilette ohne Abflussrohr. Stattdessen mit einem Kopfsack aus Latex. Die sogenannte „Sklaventoilette“, in die der geneigte Connaisseur seinen Kopf einfädeln kann, bevor das Geschäft losgeht. Noch während sich Lorelei und Rosi Sorgen machen, wie das Ganze beim Lehrer ankommt, waren die Schüler schon mittendrin im brisanten Thema „Natursekt“ versus „Kaviar“. Sie hatten ehrliches Interesse und erstaunlich wenig Berührungsängste. In den Mund kacken lassen? Was soll's! Die Streber der Klasse legten sich sogleich selbst in den Toilettenstuhl, einfach um mal zu erleben, wie sich diese Perspektive anfühlt. Wissenschaft zum rein(k)riechen, könnte man sagen.

Weiter ging es mit dem nächsten Kink. „Was seht ihr?“, fragte diesmal Mistress Rosi Riot. „Silikonbrüste ... hohe Schuhe ... in einer ziemlich großen Schuhgröße und ein Stahlkondom mit Schlüssel.“ Willkommen in der Welt der Feminisierung. Eine Studentin fragte, ob das immer was mit Demütigung zu tun habe.
Die perfekte Vorlage für ein Gespräch darüber, wie unterschiedlich die Motive unserer Gäste eigentlich sind. Nicht jeder Gast, der sich hier Frauenkleidung anzieht, möchte deswegen gedemütigt werden. Für den einen kann es zwar ein guter Aufhänger sein, für den anderen aber ist es die Gelegenheit, endlich etwas mehr Weiblichkeit zu leben. Gerne mit Keuschheitsgürtel, um vornehme Zurückhaltung durch symbolische Kastration zu üben und nicht zuletzt das befreiende Machtgefälle zwischen Domina und untergebener „Sissy“ zu verstärken. Und der Dritte genießt einfach nur das Gefühl von halterlosen Nylons auf der Haut.

Ähnlich ist es beim Latex. Der eine fühlt sich nur in Latex wie das ultimative Objekt, als welches er endlich mal loslassen kann, weil so ein hirnloses Objekt nun mal für nichts mehr verantwortlich sein kann. Wir haben es also mit einer psychologischen Entlastung und einem schönen Verantwortungsurlaub zu tun. Alltagssorgen, beruflicher Druck und gesellschaftliche Erwartungen adé.
Der andere findet sich im Latex-Catsuit sexy und flawless. Und der Dritte kommt nun mal am liebsten mit dem Geruch von Gummi in der Nase zum Orgasmus. Und zwar im Latex-Vakuumbett – befreit vom Entscheidungszwang durch absolute Bewegungslosigkeit.

Um sich möglichst klar zu werden, von welchen Motiven der Gast oder die Gästin getrieben wird, und um einen verlässlichen Konsens vor der Session zu etablieren, gibt es das Vorgespräch. Zum Beispiel kann man im Vorgespräch verstehen, ob es gewünscht ist, den Gast „Sissy“ zu nennen, oder ob so eine Bezeichnung als unangenehm abwertend und somit abtörnend oder gar verletzend empfunden werden könnte.

Was die meisten Schüler überrascht: wie viel Kommunikation unsere Arbeit ausmacht. Lorelei betont hier noch mal, dass wir die Vorlieben unserer Gäste nicht verurteilen und auch nicht versuchen, sie zu erklären oder zu therapieren. Gleichzeitig gibt es natürlich persönliche, gemeinschaftliche und gesetzliche Grenzen dessen, was wir anbieten. Sie und Miss Rosi Riot, die beide einen langjährigen pädagogischen Background haben, kamen mit den Gruppen außerdem schnell auf die vielen Überschneidungen zu sozialen Berufen zu sprechen. Denn am Ende geht es oft um dasselbe: Menschen zuhören, Vertrauen aufbauen und ihnen (vorerst) auf Augenhöhe begegnen. Nur dass die Arbeitskleidung der Sozialdominas stärker glänzt als die des Sozialpädagogen und die Themen oft etwas intimer sind, so Lorelei.

Lektion 4: Auch Dozenten lassen sich gerne mal auspeitschen

Im Anschluss an die Gruppengespräche durften die Schüler das Studio auf eigene Faust entdecken, sich gegenseitig auf die Gynstühle schnallen und das Toyregal durchwühlen. Warum gibt es so dicke Analdildos bei euch im Regal? Damit wir uns besser erschrecken können, wenn mal wieder eins vom hohen Regal runterplumpst.

Nachdem alle Fragen geklärt waren, saß ich noch mit ein paar SchülerInnen im Cafeteria-Bereich der Atrium-Dachterrasse. Alle waren gut drauf, aber eine Schülerin war ganz erschlagen vor Glückseligkeit. Da fragte ich sie, was los sei. Sie wollte erst nicht so richtig rausrücken mit der Sprache und zeigte stattdessen lachend auf den Spielbereich der Dachterrasse. Da wurde nämlich gerade ihr Lehrer am Kreuz gefloggt. Schließlich wollten alle noch schnell lernen, was Flogging war, nachdem sie durch schieren Zufall unsere Flogging-Meisterin Hekate bei Trockenübungen im Freien antrafen. Da hat sich der Dozent als Übungsobjekt bereitgestellt. Nicht, dass es nachher heißt, die Schüler wurden beim Klassenausflug geschlagen. Er fühle sich durch die Auspeitschung zwar nicht erregt, merke aber doch, dass eine gewisse Entspannung im Inneren einkehre. Damit waren alle zufrieden.

Und ich konnte die Schülerin neben mir nun endlich fragen, was eigentlich los ist. Ja, also sie würde am liebsten ein Praktikum bei uns machen, ob so was überhaupt möglich sei. Ich verwies sie an Kollegin Circe und das Praktikumsangebot des Atriums. Auch das ist hier ein Angebot an die Öffentlichkeit, an das ich mich gewöhnen musste. Aber was soll's. Sexpositive Sozialarbeit kann man bei uns schon machen. Solange sie nicht verboten ist, jedenfalls.

Mehr über die Beteiligten:


Praktikum:

-> Infos

-> Ansprechperson Circe